Mehrwertstadt sucht vergeblich nach einer Haltung bei der Ansiedlung von Unternehmen in Erfurt

Aktualisiert: 25. Mai

Am heutigen frühen Nachmittag fanden sich Mitglieder der Mehrwertstadt im ILZ (Internationalen Logistikzentrum) Erfurt ein, um die fehlgeleitete Ansiedlungspolitik der Stadt zu betrauern. Dazu kondolierten sie dem Oberbürgermeister mit einem Trauerkranz. Anlass war der heutige Spatenstich, der eine Erweiterung im ILZ und verbunden damit eine Vergrößerung von Amazon in Erfurt Stotternheim einleitete.

„Wir bedauern die fehlgeleitete Ansiedlungspolitik und die mangelnde Haltung des Oberbürgermeisters. Statt Anforderungen an Unternehmen zu formulieren und politische Signale zu setzen, wird völlig unkritisch einem Multispartenkonzern der rote Teppich ausgerollt. Letztlich ist es die Beerdigung des Einzelhandels in der Innenstadt, der langfristig nicht mit einem Logistikriesen konkurrieren könne, welcher für seine aggressive Verdrängung anderer Firmen auf dem Markt bekannt ist.“, formuliert Tina Morgenroth.



Vor Ort waren Tobias Knoblich, der Dezernent für Stadtentwicklung und Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Der Oberbürgermeister sprach das Grußwort und huldigte damit einer Erweiterung von Logistikunternehmen, die durch Flächenfraß, Verkehrsbelastung für Anwohner:innen und Steuervermeidung gekennzeichnet sind. Positiv hervorgehoben wurde besonders die Schaffung hunderter neuer Arbeitsplätze. Dass diese Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor entstehen und der schlechte Ruf ihnen vorauseilt scheint dem Oberbürgermeister, der früher als hauptamtlicher Gewerkschafter tätig war, egal zu sein. „Sie und ich müssen ja auch nicht hier arbeiten“ waren seine Worte auf die Frage, zu welchem Preis diese Arbeitsplätze entstehen.


Tina Morgenroth, die den Trauerkranz niederlegte, findet kritische Worte für die Erweiterung des Logistikzentrums: "Die Stadtwerke Erfurt wollen die Stromversorgung des ILZ verbessern, Fahrbahnen werden vom Tiefbauamt instandgesetzt und die Autobahn GmbH will eine Autobahnabfahrt sanieren. Die Bereitstellung dieser Infrastruktur finanzieren Bürger:innen durch Steuern. Aber was fließt durch den Konzern dem Gemeinwohl zu? Für die Bevölkerung bleiben Verkehrslärm und von Lkw zugeparkte Straßen. Dass dies wissentlich durch die Stadtspitze bejubelt wird und der Oberbürgermeister noch an das Märchen der Gewerbesteuereinnahmen glaubt, ist eine Blamage für die Erfurter Wirtschaftspolitik.“


Das System Amazon steht seit Jahren in der öffentlichen Kritik für nebulöse Geschäftsmodelle, schlechte Arbeitsbedingungen und infrastrukturelle Belastungen. Bereits 2019 eröffnete Amazon in Stotternheim ein Verteilzentrum, welches immer wieder aufgrund von Arbeitsausbeutung in der Presse war.


„Der Konzern setzt um jeden Preis die eigenen Regeln durch. Letztlich bleibt die Frage, ob wir uns als Gesellschaft einem Monopolisten, der die Spielregeln in vielen Branchen allein diktiert und sich jeglicher demokratischen Kontrolle entzieht, unterwerfen wollen.“, resümiert Tina Morgenroth.